Ein Süppchen für die Seele

Gesundheit und Wohlergehen
Weniger Ungleichheiten
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Die Abkürzung EIVER steht für Ehrenamt, Ideen, Verantwortung und Engagement in der Region und ist der Name des Ehrenamtspreises, den die Volksbank in Südwestfalen eG alle zwei Jahre auslobt. Das Ziel: Menschen und Initiativen zu fördern, die Menschen zusammenbringen und die – ganz gleich in welchem Bereich – für Miteinander und Wir-Gefühl stehen. Allein 64 Bewerbungen gab es bei der jüngsten Runde. Das zeigt, wie vielfältig das ehrenamtliche Engagement in der Region ist. Die Trauerkombüse in Siegen war dabei eines der Projekte, die besonders hervorstachen. Hier finden sich Männer zusammen, um gemeinsam zu kochen und dabei Wege zu finden, ihre ganz individuelle Trauererfahrung zu verarbeiten. Das hilft, stärkt, verbindet und – nicht zuletzt: Es schmeckt auch.

Trauerkombüse

Volkmar Ruschinski steht an der Kücheninsel in dem lichtdurchfluteten Raum und schneidet Kartoffeln. Er arbeitet konzentriert, bis einer der anderen drei Männer, die neben ihm Möhren und Lauch zerkleinern, einen Spruch macht. Die vier lachen, es ist eine warme, lebendige Atmosphäre hier in der Küche der Caritas-Tagespflege St. Martin in Siegen-Eiserfeld. Und genau das ist der Kern dieses gemeinsamen Erlebnisses: Die Männer, die hier heute gemeinsam eine Kartoffelsuppe kochen, sollen sich wohlfühlen, ins Gespräch kommen, sich austauschen. Die Gruppe nimmt an der Trauerkombüse teil, einem Angebot der Ambulanten ökumenischen Hospizhilfe Siegen e. V. in Kooperation mit dem Caritasverband Südwestfalen. Es richtet sich an Männer, deren Partnerinnen verstorben sind. Dazu passt die Schürze, die die Männer tragen. Auf ihr steht der Name des Angebots: „…ein Süppchen für die Seele“.

„Es hat mir mehr geholfen, als ich gedacht hätte.“

Volkmar Ruschinski verlor seine Frau im April 2022. „Wir hatten einen gemeinsamen Lebensplan, der mit dem Tod meiner Frau mitgestorben ist“, sagt er. „Am Anfang wusste ich gar nicht, ob ich hier überhaupt hingehen soll. Aber es hat mir mehr geholfen, als ich gedacht hätte.“ Dann erklärt er, was „helfen“ für ihn bedeutet. „Man kommt hier zusammen, kocht, redet – und merkt plötzlich, dass man mit seiner Trauer nicht allein ist.“ Volkmar Ruschinski beschreibt die Zeit nach dem Tod seiner Frau als eine Phase des Funktionierens. Arbeiten, weitermachen, nicht stehen bleiben. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem Funktionieren nicht mehr reicht.

Dass gerade die Trauerkombüse Volkmar Ruschinski angesprochen hat, hatte auch mit etwas sehr Praktischem zu tun. Gekocht hatte er schon vorher gern. Doch selbst für jemanden, dem die Küche nicht fremd ist, bedeutet gemeinsames Kochen mehr als bloße Beschäftigung. „Hier sind Leute, die das gleiche Problem haben, dass der Partner gestorben ist, die Tochter oder sonst irgendein Angehöriger“, sagt Ruschinski. „Man hat ein gemeinsames Leid, man hat aber auch gemeinsame Freuden.“ Und noch etwas ist hier besonders: „Das Reden mit Männern ist halt anders. Man ist ja so erzogen worden: Als Mann weint man nicht, als Mann muss man einfach der Harte sein. Aber in gewissen Situationen funktioniert das einfach nicht mehr“, erklärt Ruschinski.

Genau an diesem Punkt setzt die Trauerkombüse an: bei einer Form der Trauer, die häufig da ist, aber nicht immer sichtbar wird. Männer trauern nicht weniger als Frauen. Aber oft anders. Genau diese Erfahrung hat auch Maria Ermes-Soleymani gemacht, die das Angebot organisiert. Die Diplom-Sozialarbeiterin koordiniert die ambulante Hospizarbeit der Caritas und ist außerdem Trauerbegleiterin. Sie kennt die Lebenssituationen solcher Gruppen, nicht aus zweiter Hand, sondern aus vielen Jahren der direkten Arbeit mit Betroffenen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie kriege ich den Alltag hin? Wie schaffe ich Struktur?

„Wir haben schon seit vielen Jahren Trauerangebote in Form von Trauercafés“, erzählt Maria Ermes-Soleymani. 2017 kamen regelmäßige Trauerwanderungen hinzu, auch sie wurden gut angenommen. Aber in den Einzelgesprächen mit Männern tauchten immer wieder ähnliche Themen auf. „Zum einen fehlten nach dem Tod der Ehefrau oft die Sozialkontakte“, sagt sie. „Und zum anderen ganz praktisch auch die Frage: Wie kriege ich meinen Alltag hin? Wie schaffe ich Struktur?“ Gerade in älteren Generationen sei die Aufgabenteilung in vielen Beziehungen noch sehr klassisch gewesen. Manche Männer hätten nie gekocht, manche kaum eingekauft, manche keinen Haushalt geführt. Zugleich fiel ihr in bestehenden Angeboten auf, dass Männer in gemischten Gruppen oft zurückhaltender blieben. „In den offenen Gruppen waren die Frauen sehr kommunikativ, sie haben sich angefreundet“, sagt sie. „Die Männer waren meist in der Minderzahl – zwei, drei maximal – und hatten eher Schwierigkeiten, über ihre Gefühle zu sprechen.“

Maria Ermes-Soleymani suchte nach einer Form, in der Männer nicht vor allem sitzen und reden, sondern etwas tun können. Nicht verarbeiten, wie sie betont, sondern bearbeiten. Ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Dass das Thema Kochen dabei so wichtig wurde, lag nicht an einer theoretischen Idee, sondern an den Rückmeldungen selbst. „Immer wieder klang an: Ich habe Probleme beim Kochen.“ Ganz fertig war das Konzept damit noch nicht. Denn klar war auch: Wenn es ein Angebot für Männer sein sollte, dann möglichst eines von Männern für Männer. Es fehlten also zunächst männliche Ehrenamtliche, die das Projekt mittragen konnten. In einer Ausbildungsgruppe für Trauerbegleiter waren dann mehrere Männer dabei. Einer von ihnen war Jürgen Schade. Er steht an diesem Vormittag ebenfalls in der Küche, hilft mit, erklärt, lacht, hört zu. Man merkt schnell, dass er hier nicht bloß organisatorisch beteiligt ist. Er hat eine persönliche Beziehung zu diesem Projekt.

Hineingewachsen

Jürgen Schade ist ehrenamtlicher Hospizbegleiter. Er kam über Umwege dazu. Sein Hausarzt, der selbst als Palliativarzt im stationären Hospiz tätig ist, habe ihm immer wieder geraten, sich das einmal anzusehen. Lange war Schade skeptisch. Dann kamen eigene Krisen, ein Burn-out, schwere Erfahrungen in der Familie. Irgendwann ging er zu einem Informationsabend. „Da kam alles hoch“, erzählt er. „Da sind dann auch Tränen geflossen.“ Was zunächst zögerlich begann, entwickelte sich zu einem festen Engagement. Er ließ sich ausbilden, wuchs in die Arbeit hinein. Nicht nur die Sterbebegleitung sei sein Schwerpunkt geworden, sagt er, sondern auch die Begleitung derjenigen, die zurückbleiben.

Die Trauerkombüse fand inzwischen vier Mal statt, jeweils mit acht Terminen in kleinen, geschlossenen Gruppen, meist mit sechs bis acht Teilnehmern. Diese Form hat sich bewusst entwickelt. Anfangs habe man überlegt, ein offenes Angebot zu machen, erzählt Maria Ermes-Soleymani. Aber schnell sei klar geworden, dass es besser ist, wenn Vertrauen wachsen kann. Gleichzeitig hat das Projekt eine Dynamik entwickelt, die über die einzelnen Gruppen hinausweist. Viele Teilnehmer möchten danach nicht einfach aufhören. Sie wünschen sich Folgetermine, eine Möglichkeit, in Kontakt zu bleiben. Aus diesem Wunsch ist die Idee des „Ankerplatzes“ entstanden – eines Formats für ehemalige Teilnehmer.

In der Küche nimmt die Kartoffelsuppe Form an. Und die Atmosphäre wird immer gelöster. „Es ist eben nicht nur Trauer da, sondern auch Freude“, sagt Volkmar Ruschinski. „Danach geht man mit einem guten Gefühl nach Hause.“ Diesen Gedanken erläutert er besonders eindrücklich, als es um das gemeinsame Essen geht. Für Außenstehende wirkt das vielleicht wie der selbstverständliche Abschluss eines Kochens. Für viele hier ist es aber mehr. Wer jahrzehntelang nicht allein gegessen hat, erlebt die Stille am Tisch nach einem Verlust als besonders schmerzhaft.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ehrenamt, Ideen, Verantwortung und Engagement

Die gute Stimmung bemerkt auch Jens Brinkmann als Erstes, als er in die Runde kommt. Die Suppe ist fast fertig, als das Vorstandsmitglied der Volksbank in Südwestfalen die Männer und Maria Ermes-Soleymani begrüßt. Sein Besuch hat einen konkreten Hintergrund: Die Trauerkombüse wurde 2025 beim EIVER-Ehrenamtspreis, den die Bank auslobt, mit dem dritten Platz ausgezeichnet und erhielt 5.000 Euro Preisgeld. EIVER steht für Ehrenamt, Ideen, Verantwortung und Engagement in der Region, die Volksbank vergibt diesen Preis alle zwei Jahre. 64 Bewerbungen gab es im vergangenen Jahr – aus ganz unterschiedlichen Bereichen, von Sport über Kultur bis hin zu sozialen Initiativen. „An unserem Ehrenamtspreis EIVER begeistert mich immer wieder, dass wir so vielfältige Bewerbungen bekommen“, sagt Jens Brinkmann. „Die Bandbreite dessen, was wir an ehrenamtlichem Engagement sehen, ist immens groß.“

Die Trauerkombüse sei dafür ein besonders starkes Beispiel. Brinkmann beschreibt, warum das auch für ihn so ist. „Erstens ist es unter der Überschrift ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ ein Projekt mit einem ganz praktischen Aspekt.“ Männer, die nach dem Verlust ihrer Partnerin plötzlich allein sind, lernten hier, sich selbst zu versorgen, zu kochen, ihren Alltag zu organisieren. „Und zweitens sind diese Männer hier unter Gleichgesinnten.“ Menschen, die in einer ähnlich notvollen, leidvollen Situation seien, könnten sich austauschen, gegenseitig verstehen und stützen.

Diese Perspektive von außen passt erstaunlich gut zu dem, was in der Küche längst sichtbar geworden ist. Denn die Trauerkombüse will nichts Spektakuläres sein, ihr Konzept ist nicht kompliziert. Als die Männer schließlich den Topf in den Speiseraum tragen, verändert sich die geschäftige Arbeitsatmosphäre und geht über in etwas Ruhigeres. Jens Brinkmann hilft, die Teller und das Besteck zu verteilen, dann setzt er sich mit der Gruppe zum Essen. Auch Volkmar Ruschinski schaut zufrieden aus. Vor einigen Wochen kannte er diese Männer noch nicht. Jetzt sitzt er mit ihnen an einem Tisch und genießt die Suppe. Für ihn und die anderen ist das mehr als eine Mahlzeit. Es ist ein Halt, der hilft – im Alltag und im Leben nach dem Verlust.