Deutschland spricht über Digitalisierung, doch in vielen Schulen fehlen noch immer die Grundlagen dafür. Die bundesweite Initiative VR-DIGICATION setzt auf experimentelles, praxisnahes Lernen statt reiner Theorie. Gemeinsam mit mittlerweile über 70 Volksbanken und Raiffeisenbanken stattete die Initiative bereits über 200 Schulen in Deutschland mit wichtigem Lernequipment und Makerspaces aus. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Ron Spelt und der Leiterin der Bildungsinitiative Jana Frommherz.

Herr Spelt, was hat Sie motiviert, VR-DIGICATION zu gründen?
Spelt: Der Ausgangspunkt war eigentlich eine Mischung aus Verwunderung, Frustration und dem Gefühl, dass in Deutschland eine riesige Lücke klafft: Wir reden seit Jahren darüber, dass MINT-Themen unglaublich wichtig sind, also: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Gleichzeitig sprechen wir von Digitalisierung, Transformation, Künstlicher Intelligenz, Innovationsfähigkeit und Fachkräftemangel – aber wir investieren nicht konsequent genug in den Ort, an dem all das beginnen müsste: in die Schule. Mich hat dieser Widerspruch nicht mehr losgelassen.
Gab es einen Moment, in dem Ihnen das besonders klar geworden ist?
Spelt: Ja, den gab es tatsächlich. Ich hatte 2018 über ein anderes Projekt mit einer Schule zu tun und kam mit dem Schulleiter ins Gespräch. Er zeigte mir einen Fachraum für Naturwissenschaften und mein erster Gedanke war: Das sieht hier im Grunde noch so aus wie zu meiner eigenen Schulzeit – und die ist 25 Jahre her. Wie soll in so einem Umfeld Begeisterung für moderne Technologien entstehen? Das ist kein Vorwurf an die Lehrkräfte, im Gegenteil. Sie würden gerne mehr Informatik, Robotik, digitale Fertigung oder forschendes Lernen integrieren. Es war eher der Moment, in dem ich verstanden habe: Hier gibt es unglaublich viele engagierte Menschen, aber die Mittel, die Strukturen und oft auch die Ausstattung reichen einfach nicht aus. Es fehlen einfach hochwertige Materialien, Beschaffungswege, die schnell und sinnvoll funktionieren, die Möglichkeit, Lehrkräfte bei der Einführung neuer Methoden und Technologien so zu begleiten, dass daraus wirklich nachhaltige Unterrichtsentwicklung wird. Und wenn das so ist: Wie kann man dann sinnvoll helfen?
Und, wie machen Sie das?
Frommherz: Wir verhelfen Schulen in Deutschland zu hochwertigem MINT-Equipment und Makerspaces, um Lehrkräften, aber vor allem Kindern und Jugendlichen ein experimentelles, begeisterndes, spielerisches Lehren und Lernen zu ermöglichen. Dabei geht es um Lernräume, um die präzise Unterstützung modernster didaktischer Konzepte – wie etwa dem 4K-Lernmodell (Kreativität, Kollaboration, Kommunikation und kritisches Denken) –, um eine enge Begleitung der Schulen und um die Frage: Wie macht man aus Technik ein Lernerlebnis? Ein Makerspace zum Beispiel ist für uns kein schicker Designraum mit ein paar Geräten, sondern eine Lernumgebung, in der Kinder und Jugendliche selbst tätig werden können. Sie können dort forschen, bauen, ausprobieren, scheitern, verbessern und gemeinsam Lösungen entwickeln. Sie sehen schneller, was ihr Handeln bewirkt, und erleben Zusammenhänge nicht nur theoretisch, sondern praktisch.
Was heißt spielerisches Lernen in diesem Zusammenhang?
Frommherz: Spielerisch heißt nicht oberflächlich, sondern dass Lernen über Neugier, Praxis und Entdecken funktioniert. Ein Kind, das mit einem Lernroboter arbeitet, lernt Problemlösungen kennen, strukturiertes und logisches Denken, Ausdauer und Teamarbeit. Aber es fühlt sich anders an als klassischer Frontalunterricht. Gerade das ist so wichtig. Kinder und Jugendliche von heute sind mit einer ganz anderen Welt groß geworden. Sie sind permanent Reizen ausgesetzt, sie sind digital umgeben, sie sind schnell gelangweilt, wenn etwas nur abstrakt erklärt wird. Wenn man sie dagegen aktiv einbindet, sie selbst bauen oder programmieren lässt, dann erreicht man sie viel besser.
Um die Projekte mit den Schulen zu finanzieren, arbeiten Sie eng mit Volksbanken und Raiffeisenbanken zusammen. Wie funktioniert das?
Frommherz: Die Zusammenarbeit beginnt in der Regel damit, dass eine Volksbank oder Raiffeisenbank auf VR-DIGICATION zukommt, weil sie sich in ihrem Geschäftsgebiet für die zukünftige Innovationskraft, gegen den Fachkräftemangel und für moderne MINT-Bildung an ihren Schulen einsetzen möchte. Gemeinsam schauen wir dann, welche Schulen infrage kommen und welchen konkreten Bedarf es gibt. Wir übernehmen anschließend die inhaltliche und konzeptionelle Arbeit und entwickeln ein passgenaues Konzept: von der Ausstattung mit hochwertigem MINT-Equipment wie 3D-Druckern, Lernrobotern oder Sets zu erneuerbaren Energien bis hin zum Aufbau ganzer Makerspaces. Dabei bleibt es nicht bei der reinen Ausstattung. Wir coachen und begleiten die Schulen auch, unterstützen Lehrkräfte und stellen sicher, dass die Materialien auch nachhaltig im Unterricht verankert werden. Die Bank fungiert dabei als regionaler Förderpartner, der dafür zum Beispiel die Reinerträge aus dem Gewinnsparen, Stiftungsgelder, Crowdfunding-Kampagnen oder auch Co-Förderung mit Firmenkunden einsetzt. Dadurch entstehen individuelle Partnerschaften zwischen Banken und Schulen, aus denen etwa gemeinsame Umweltprojekte hervorgehen können, Firmenkunden als externe Wissensträger eingebunden oder auch Schülergenossenschaften und -firmen gegründet werden.
Warum arbeiten Sie hier so eng mit den Volksbanken und Raiffeisenbanken zusammen?
Spelt: Die Banken sind deutschlandweit vor Ort, nah an den Schulen, an den Fördervereinen, an den Regionen. Sie sehen, was gebraucht wird, und sie bringen das Thema in ihren Geschäftsgebieten mit voran. Und sie bringen etwas mit, das für unser Modell zentral ist: regionale Verankerung, gesellschaftliche Verantwortung und ein Verständnis von Hilfe zur Selbsthilfe. Als wir uns gefragt haben, wer so eine Initiative in die Fläche tragen könnte, war schnell klar, dass die Volksbanken und Raiffeisenbanken ein guter Partner sein können. Stand heute können wir auf eine etablierte und wachsende Initiative zurückblicken, die noch viel mehr Lust auf morgen macht.
VR-DIGICATION ist gemeinnützig. Warum haben Sie diese Rechtsform gewählt?
Spelt: VR-DIGICATION ist aus einer inhaltlichen Idee und aus viel ehrenamtlicher Vorarbeit entstanden. Wir haben das in den ersten Jahren praktisch aus Überzeugung aufgebaut. Vieles lief ehrenamtlich, vieles lief über eigenes Investment, über Zeit, Energie, Gespräche, Konzeption, juristische und administrative Klärungen. Wir mussten ja erst einmal prüfen: Ist der Bedarf wirklich so groß? Können wir das sauber und rechtssicher aufsetzen? Welche Strukturen braucht es? Und irgendwann war klar: Das hat so viel Substanz, das braucht eine eigene Form. Deshalb haben wir uns für die gemeinnützige Struktur entschieden. Diese ist auch deswegen so passend, weil wir mit Fördergeldern arbeiten, mit Spenden, Reinerträgen und mit gesellschaftlichem Engagement. Als gemeinnütziges Unternehmen arbeiten wir zudem nicht profitorientiert, sondern decken nur unsere Kosten. Die Gemeinnützigkeit schafft außerdem Glaubwürdigkeit. Gerade wenn man mit Schulen, öffentlichen Strukturen und Banken zusammenarbeitet, muss klar sein, dass es nicht um irgendein verdecktes Geschäftsmodell geht, sondern um gesellschaftliche Wirkung.
Wie groß ist der gesellschaftliche Impact von VR-DIGICATION?
Frommherz: Wenn ein Projekt erst greift, wenn Menschen schon im Berufsleben stehen, dann ist vieles längst entschieden. Wir setzen dagegen in einer Phase an, in der Bildungsbiografien, Interessen und Selbstbilder noch offen sind. Das hat direkte Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche, auf Lehrkräfte und Schulen, aber auch auf Regionen und die dortige Wirtschaft. Gerade in ländlicheren Gegenden ist es unglaublich wichtig, dass Kinder sehen: Auch hier gibt es spannende Berufe, interessante Unternehmen und Innovationen, die man selbst mit schaffen kann. Gute MINT-Bildung stärkt aber nicht nur spätere Berufswege, sondern auch die Fähigkeit, eine immer technologischere Welt zu verstehen. Und der Zugang dazu darf nicht davon abhängen, ob eine Schule zufällig besonders gut ausgestattet ist oder ob Eltern privat bestimmte Dinge kompensieren können. Wenn wir wollen, dass Kinder, vor allem aber auch Mädchen faire Chancen bekommen, dann müssen wir solche Lernzugänge in größerem Maße schaffen.
Wie geht es weiter mit VR-DIGICATION?
Frommherz: Der Bedarf an unseren Angeboten ist weiterhin sehr hoch. Es gibt viele Schulen, die gerne gefördert würden. Unsere Vision ist, dass hochwertiges, experimentelles MINT-Lernen in Deutschland viel selbstverständlicher wird. Nicht als Ausnahme oder als schönes Leuchtturmprojekt, sondern als echter Teil schulischer Realität. Wir wollen, dass Lehrkräfte die Mittel haben, ihre Ideen umzusetzen, und Kinder und Jugendliche nicht nur über Zukunftstechnologien reden, sondern mit ihnen arbeiten, damit daraus langfristig mehr Zutrauen, mehr Kompetenz und mehr Begeisterung entstehen.
Was wäre für Sie in zehn Jahren ein Erfolg?
Spelt: Ein Erfolg wäre für mich, wenn wir in zehn Jahren nicht mehr darüber sprechen müssten, dass moderne MINT-Bildung in Deutschland ein Sonderfall ist. Wenn es selbstverständlicher geworden ist, dass Kinder experimentieren, programmieren, bauen, forschen und Technologien verstehen dürfen. Wenn Schulen mehr Möglichkeiten haben. Wenn sich Lehrkräfte unterstützt statt ausgebremst fühlen. Und wenn aus dieser frühen Förderung sichtbar mehr junge Menschen in Berufe und Studiengänge gehen, die unsere Gesellschaft, aber vor allem auch unsere Wirtschaft in Zukunft dringend braucht. Dann hätten wir genau das erreicht, worum es uns von Anfang an ging: nicht nur kurzfristig zu helfen, sondern langfristig etwas zu verändern.
