Hausaufgaben am Küchentisch, Frust bei Mathe und die Frage nach teurer Nachhilfe – aufgrund genau solcher Alltagssituationen entstand das Nachhilfe-Start-up ubiMaster. Gründerin und Geschäftsführerin Jana Krotsch erklärt im Interview, warum Bildung in Deutschland noch immer vom Geldbeutel abhängt und wie ihre Plattform – unter anderem in Zusammenarbeit mit den Volksbanken und Raiffeisenbanken – genau dies verändern will.

Frau Krotsch, Sie haben 2018 Ihren sicheren Job bei einer Versicherungsgesellschaft gekündigt, um das Start-up ubiMaster zu gründen. Was hat Sie dazu motiviert?
Krotsch: Der erste Impuls war sehr persönlich. Ich habe drei Kinder und wie in vielen Familien begann unser Abend nicht selten mit der Frage: „Mama, kannst du mir das erklären?“ Oder: „Papa, ich verstehe das nicht.“ Wir saßen dann am Küchentisch, nach einem langen Arbeitstag, und versuchten uns an binomischen Formeln oder Gedichtinterpretationen. Irgendwann merkten wir: Das reicht nicht immer. Nachhilfe ist dann der nächste Gedanke, der aber Organisation, Termine, Fahrtwege und vor allem auch hohe Kosten bedeutet. Außerdem ist Nachhilfe nicht selten frustrierend, wenn Termine nicht passen oder der Unterricht ausfällt. Was mich zudem besonders beschäftigt hat: Wir konnten uns das leisten, viele Familien können es nicht. Gute Bildung ist in Deutschland immer noch stark von Einkommen, Wohnort und sozialem Hintergrund abhängig. Wenn Bildung aber ein Grundrecht ist – und ich bin zutiefst überzeugt, dass sie das sein sollte –, dann darf sie nicht vom Geldbeutel abhängen.
Und dann kamen Sie auf ubiMaster. Wie funktioniert Ihr Angebot?
Krotsch: ubiMaster ist eine digitale Lernplattform, die Schülerinnen und Schülern an sieben Tagen die Woche Nachhilfe ermöglicht. Man muss keinen Termin zwei Wochen im Voraus buchen, sondern bekommt flexible Unterstützung genau dann, wenn sie gebraucht wird. Wir haben mit Mathematik und Physik begonnen – den klassischen Hürdenfächern. Denn dort entsteht häufig der größte Druck. Inzwischen haben wir das Angebot um weitere Kernfächer erweitert.
Die Nachhilfe geben Menschen, keine Technik. Wie funktioniert das?
Krotsch: Genau, hinter ubiMaster sitzt kein Chatbot, keine automatisierte Lösung, hier lehren echte Menschen. Die Kinder und Jugendlichen haben Zugang zu geprüften Tutorinnen und Tutoren, 1:1, per Video, in Echtzeit. Diese durchlaufen einen mehrstufigen Auswahlprozess mit fachlichen Tests, didaktischen Gesprächen und persönlichen Interviews, außerdem verlangen wir ein erweitertes Führungszeugnis. Wir haben ein eigenes Tutor-Management-Team, das ausschließlich für die Auswahl, die Qualitätssicherung und die Weiterbildung zuständig ist. Und wir analysieren kontinuierlich Feedback. Lernsessions werden qualitätsgesichert. Qualität ist für uns kein Marketingbegriff – sondern Grundlage unseres Modells.
Warum ist es Ihnen so wichtig, auf Menschen zu setzen, gerade im Zeitalter von KI?
Krotsch: Weil Lernen mehr ist als Informationsvermittlung. Ein Kind kommt nicht nur mit einer Matheaufgabe in die Session. Es kommt mit Emotionen, Frust, Unsicherheit und oft auch mit Angst vor der nächsten Klassenarbeit. Ein Algorithmus kann erklären, was der Satz des Pythagoras ist. Aber er kann nicht sagen: „Ich sehe, dass du gerade verunsichert bist. Lass uns das Schritt für Schritt angehen.“ Unsere Vision ist nicht, KI auszuschließen. Im Gegenteil. Wir entwickeln gerade Systeme, die personalisierte Übungsaufgaben generieren, Lernstände analysieren und gezielt Wiederholungen vorschlagen. Aber KI soll entlasten, nicht ersetzen. Die Technologie kann Routineaufgaben übernehmen, der Mensch bleibt für Motivation, Beziehung und Ermutigung zuständig. Gerade bei jungen Menschen ist das entscheidend.
Ihr Geschäftsmodell unterscheidet sich von klassischer Nachhilfe. Warum?
Krotsch: Klassische Nachhilfe ist teuer. Wenn Eltern 120 oder 140 Euro im Monat pro Fach zahlen, dann ist das eine erhebliche Belastung. Und genau dort entsteht Bildungsungerechtigkeit. Deshalb haben wir von Anfang an anders gedacht. Der Großteil unserer Zugänge wird nicht von Eltern bezahlt, sondern von Partnern, zum Beispiel von Arbeitgebern, mit denen wir kooperieren oder auch von den Genossenschaftsbanken in Deutschland.
Wie funktioniert das genau?
Krotsch: Als die Wachstumsphase von ubiMaster begann, war für uns klar, dass wir Partner brauchen, die verlässlich sind, regional verankert und von den Menschen als vertrauenswürdig wahrgenommen werden. Genau das trifft auf die genossenschaftliche FinanzGruppe zu. Über die Volksbanken und Raiffeisenbanken können wir möglichst vielen Kindern den Zugang zu unserem Angebot ermöglichen. Mittlerweile integrieren 130 Genossenschaftsbanken ubiMaster in ihre Jugendkonten. Davon profitieren alle Seiten: Die Banken stärken frühzeitig die Bindung zu jungen Kundinnen und Kunden, Eltern werden finanziell und organisatorisch entlastet und Schülerinnen und Schüler erhalten unkompliziert Zugang zu individueller Unterstützung – genau dann, wenn sie sie brauchen. Zusätzlich profitieren auch die Mitarbeitenden der genossenschaftlichen FinanzGruppe, etwa wenn ubiMaster für sie als Mitarbeiterbenefit angeboten wird.
Warum passt ubiMaster aus Ihrer Sicht besonders gut zur genossenschaftlichen FinanzGruppe?
Krotsch: Weil wir ähnliche Werte teilen. Das genossenschaftliche Prinzip lautet: „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele.“ Genau das ist auch unser Ansatz im Bildungsbereich. Eine Familie allein kann vielleicht keine kontinuierliche Förderung finanzieren. Aber wenn eine Bank sagt: Wir stellen Bildung als Bestandteil unseres Jugendangebots zur Verfügung, dann entsteht ein kollektiver Hebel. Gerade in ländlichen Regionen, wo es kaum Nachhilfeangebote gibt, wird digitale Unterstützung plötzlich zur realen Chancenerweiterung.
Wie groß ist ubiMaster heute?
Krotsch: Wir haben inzwischen knapp 60 Mitarbeitende im Kernteam. Dazu mehrere hundert Tutorinnen und Tutoren verteilt über die Fachbereiche. Wir arbeiten mit über 250 Partnern – Banken und Unternehmen. Und wir erreichen mittlerweile weit über eine halbe Million Schülerinnen und Schüler.
Sie haben ubiMaster inzwischen um ein Finanzbildungsangebot erweitert. Warum?
Krotsch: Weil wir eine neue Lücke gesehen haben. Mit 18 endet für viele die Schulbildung – aber nicht der Bildungsbedarf. Viele junge Erwachsene wissen nicht, wie ein Mietvertrag funktioniert, was Zinseszins bedeutet oder wie die Altersvorsorge aufgebaut wird. Gleichzeitig treffen sie Entscheidungen mit langfristigen Auswirkungen. Deshalb haben wir ubiMaster FINANCE entwickelt – für 16- bis 35-Jährige. Mit alltagsnahen Challenges, verständlichen Erklärungen und auch hier mit der Möglichkeit, Fragen an echte Menschen, unsere FinanzBuddies, zu stellen. Wir verkaufen dort keine Produkte, sondern schaffen Verständnis. Finanzielle Bildung ist aus meiner Sicht eine Grundvoraussetzung für Selbstbestimmung.
Wie sehen Sie ubiMaster in fünf Jahren?
Krotsch: Ich sehe ubiMaster als festen Bestandteil einer chancengerechten Bildungslandschaft, eine Plattform, die schulische Bildung, Lernstrategien, Alltagskompetenz und Finanzbildung verbindet. Und ich wünsche mir, dass Herkunft deutlich weniger darüber entscheidet, welche Förderung ein Kind erhält. Denn Bildung öffnet Lebenswege, für jeden und jede.
